Schmerzen bei Demenzkranken erkennen und Hilfe leisten

Gabriele Gröh Fachbeiträge

Wir alle kennen sie in unterschiedlichsten Formen, Intensitäten und an verschiedensten Stellen: Schmerzen. Im Großteil aller Fälle schafft ein Besuch beim Arzt und eine folgende Behandlung Abhilfe. Anders sieht es jedoch bei Demenzkranken aus – insbesondere wenn sie bereits das „mittelschwere Stadium“ erreicht haben. Dann bleiben Schmerzen für Außenstehende oft lange Zeit unerkannt. Umso wichtiger also, dass Angehörige, Pflegende und Ärzte die Anzeichen aufmerksam registrieren.

Rund 1,7 Millionen Deutsche leiden derzeit an dem demenziellen Syndrom, kurz Demenz. Zum „klassischen“ Krankheitsbild gehören Symptome wie zunehmende, anhaltende Vergesslichkeit, Schwierigkeiten im sprachlichen Ausdruck und schwerwiegende Antriebs- und Lustlosigkeit.

Während Demenz zwar als unheilbar gilt, spielt ein früher Befund eine wichtige Rolle: Durch eine frühzeitige Diagnose sowie umfassende Therapien lassen sich demenzielle Beschwerden hinauszögern und lindern. Nichtsdestotrotz treten im fortgeschrittenen Alter bei vielen Demenzkranken weitere gesundheitliche Beschwerden auf, die u.A. Schmerzen verursachen. Um die Betroffenen von ihrem „unentdeckten“ Leid zu erlösen und die Entwicklung chronischer Schmerzen zu verhindern, müssen Außenstehende aber genau hinsehen und bei Bedarf für Hilfe sorgen – selbst wenn die Betroffenen gar keine fordern.

Wieso vermitteln Demenzkranke nicht, dass sie Schmerzen haben?

Das bekannteste Symptom des demenziellen Syndroms ist der Gedächtnisschwund. Dieser ist auch einer der häufigsten Gründe für das „Verborgenbleiben“ ihrer Schmerzen: Demenzkranke sind sprachlich eingeschränkt – entweder verstehen sie die Frage gar nicht bzw. die Bedeutung der gesagten Worte, oder aber sie können es sprachlich nicht mehr zum Ausdruck bringen, dass sie leiden. Überdies interpretieren Außenstehende die Schmerzen gerne als „ganz normale“ Begleiterscheinung des Alterns, denken die Betroffenen wären zu wehleidig und sollten den Zustand besser hinnehmen. Sie wollen die Therapie vermeiden, die auf eine Diagnose folgt. 

Nicht selten ist es auch schlichtweg die Angst, eine Last für die Angehörigen zu sein, sodass die Betroffenen in der Folge ihr Leid lieber für sich behalten und niemanden damit belästigen wollen. Aus menschlicher Sicht mögen solche Gründe nachvollziehbar sein – aus medizinischer Sicht sind sie auf keinen Fall hinnehmbar.

Wann sollten wir aufmerksam werden?

Grob kategorisiert können drei Verhaltensmuster von Demenzkranken auf Schmerzen hinweisen. In diesen Fällen gilt es, dass Angehörige und Pflegende besonders aufmerksam werden und gegebenenfalls weitere Schritte einleiten, um einen herrschenden Schmerz zu erkennen und zu behandeln:

Konkrete Äußerungen

Auch wenn der Betroffene auf direkte Nachfrage ein Schmerzempfinden verneint, können Äußerungen wie „Aua!“ oder „Das tut so weh!“, die ganz klar Unwohlsein vermitteln, auf Schmerzen hindeuten.

Herausforderndes/verändertes Verhalten

Reagieren Menschen auf bisher akzeptiertes oder gar geschätztes Verhalten plötzlich abwehrend oder unruhig, kann dies ein Indiz für Schmerzen sein.

Zu erwartende Schmerzen

Negieren Demenzkranke auch nach Unfällen oder Operationen, die mit höchster Wahrscheinlichkeit Schmerzen hervorrufen, die Frage „Haben Sie Schmerzen?“ ist maximale Aufmerksamkeit und Beobachtung durch Betreuende gefragt.

Schmerzen bei Demenzkranken erkennen
Es gibt einige Anzeichen, die auf ein bisher unerkanntes Schmerzerleben schließen lassen

Wie lassen sich Schmerzen charakterisieren?

Bei der Schmerzerfassung kann eine zweiteilige Unterscheidung vorgenommen werden:

Schmerzqualität

Da wäre zunächst die Schmerzqualität, die die Beantwortung folgender Fragen beinhaltet:

  • Empfinden Sie Schmerzen?
  • Wo empfinden Sie Schmerzen?
  • Wann treten Schmerzen auf?
  • Wie empfinden Sie die Schmerzen?
Charakterisierung von Schmerzen
Eine detaillierte Schmerzerfassung erleichtert die Diagnose und anschließende Behandlung

Schmerzintensität

Der zweite Teil der Schmerzerfassung umfasst die Schmerzintensität, also wie stark Schmerzen empfunden werden. Da Schmerzen höchst subjektiv sind, lassen sie sich ausschließlich durch den Leidenden selbst einordnen – dieser Vorgang ist also besonders bei Demenzkranken ab einer mittelschweren Demenz schwierig, da diese häufig Schwierigkeiten mit ihrem sprachlichen Ausdruck entwickeln. Um generell eine Skalierbarkeit möglich zu machen, wird für gewöhnlich eine der beiden folgenden Abstufungssysteme herangezogen:

Die Numerische Rang Skala (NRS)

Der Betroffene weist dem empfundenen Schmerz eine Zahl von 1, d.h. kein Schmerz, bis 10, d.h. maximal vorstellbarer Schmerz, zu.

Die Verbale Rang Skala (VRS)

Hier beschreibt der Patient sein Empfinden mithilfe von Adjektiven, wobei keine (Schmerzen) das geringste Maß und unerträgliche (Schmerzen) die stärkste Form darstellen.

Bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind, ist die verbale Rang Skala zu empfehlen, da sie leichter zu begreifen und nahbarer ist.


Wie können Außenstehende Schmerzen erkennen?

Wenn sich der Verdacht härtet, dass ein Demenzkranker an Schmerzen leidet, oder er schlichtweg nicht mehr in der Lage ist, die Frage „Empfinden Sie Schmerzen?“ zu beantworten, müssen Außenstehende auf eine Fremdeinschätzung zurückgreifen. Dafür bieten sich diverse Möglichkeiten an. Zwei Instrumente sind jedoch besonders hervorzuheben:

Beurteilung von Schmerzen bei Demenz (BESD)

Analysiert werden die fünf Verhaltensbereiche Atmung, negative Lautäußerungen, Körperhaltung, Mimik und Reaktion auf Trost. Der Vorteil dieser Methode: Die Anwender müssen die Untersuchten und deren gewöhnliches Verhaltensmuster nicht zwingend kennen. Studien zeigen allerdings, dass das Instrument deutlich wirkungsvoller ist, wenn der beobachtende Part bereits praktische Erfahrung im Umgang mit Demenzkranken hat.

Wichtig ist, dass diese Bereiche klar definiert in einem Zustand der Ruhe oder der körperlichen Aktivität beobachtet werden und jeweils mit null, einem oder zwei Punkten bewertet werden, wobei null für keine ersichtlichen Beschwerden und zwei für die stärkste Verhaltensreaktion steht.

Generell wird bereits ab einem Punkt empfohlen, das Verhalten des Demenzkranken genauestens zu beobachten, ab zwei Punkten sind Schmerzen höchst wahrscheinlich. Genauso ausschlaggebend kann der Vergleich des BESD-Wertes im Ruhezustand und in der Mobilitätsphase sein.

Beobachtungsinstrument für das Schmerzassessment bei alten Menschen mit Demenz (BISAD)

Möglich Betroffene werden hier in Ruhe auf die Bereiche Mimik, Körperhaltung, Reaktion auf spontane Bewegung und ihre Beziehung zu anderen getestet. Der klare Unterschied zu der BESD-Methode: Während einer aktiven Phase sehen die Beobachtungsparameter anders aus. Nun umfassen sie Angst, Reaktion auf Mobilisation, Reaktion bei Versorgung der schmerzhaften Region und klagen. Wichtig ist, dass die beobachtende Instanz die demenzkranke Person kennt und weiß, wie sie sich für gewöhnlich verhält. Deshalb wird dieses Instrument besonders in Pflegeheimen oder mit der Hilfe von Angehörigen angewendet.

Jedem Bereich können null, d.h. unbedenkliches Verhalten, bis vier Punkte, d.h. höchst bedenkliches Verhalten, zugeordnet werden. Ein klarer numerischer Grenzwert für noch unbedenkliche oder bereits stark bedenkliche Werte ist nicht bestimmt. Daher eignet sich dieses Instrument eher für die Aufzeichnung von Veränderungen im Laufe einer Schmerztherapie.

Detaillierte Dokumente und ein Erklärungsvideo zu den beiden Fremdeinschätzungsinstrumenten sind online auf der Website der Deutschen Schmerzgesellschaft kostenlos verfügbar.

Als Aussenstehender Schmerzen erkennen
Für Außenstehende gibt es zahlreiche Methoden, um Schmerzen zu erkennen

Fazit

Die weit verbreitete Annahme, dass demenzkranke Menschen keinen oder nur geringen Schmerz empfinden können ist schlichtweg falsch. Da sie aber oft nicht äußern (können), dass sie leiden, gilt für Angehörige, Pflegende und Ärzte im Umgang mit Demenzkranken ein höchstes Gebot:

aufmerksam sein

Nur so können Anzeichen gefunden, die Ursache(n) entdeckt und Schmerzen gelindert werden.

Autorin:
Gabriele Gröh

Quellen:
https://www.aerzteblatt.de/archiv
https://www.dgss.org/fileadmin/pdf/BESD_Kurzanleitung_130626.pdfv/162727
https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt18_schmerz_erkennen_dalzg.pdf

Bildquellen:
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